Die Geschichte der Curta
Erfindung von Curt Herzstark (1902-1988)
Die persönlichen Daten sind mir dankenswerter Weise von der Familie Herzstark zur Verfügung gestellt worden.
(Vater Samuel Jacob Herzstark 1867-1937)
S. J. Herzstark wurde im Jahre 1867
als Sohn eines Kaufmannes in Wien geb. und studierte nach abgeschlossener
Mittelschule Maschinenbau.
Seine Praxis bekam Herzstark in verschiedenen Gießereien
und Maschinenfabriken.
Durch den frühzeitigen Tod seines Vaters konnte er seinen
geliebten Beruf Maschinenbauer zu werden nicht mehr weiter verfolgen
und mußte den väterlichen Betrieb in der Textilbranche
als Kaufmann anstreben.
Die immens fortschreitende Entwicklung in der Büromaschinenbranche
veranlaßte S. J. Herzstark der Textilbranche ade zu sagen
und in ein großes Büromaschinenhaus als Verkäufer
von Additionsmaschinen zu beschäftigen.
Der Schritt zum Rechenmaschinenverkauf der gehobenen Klasse war
klar vorgezeichnet. Die Gründung des Rechenmaschinenwerkes
AUSTRIA Herzstark &Co nach dem System "THOMAS"
war vollzogen(im Jahre 1905).
Die AUSTRIA als Zwillingsmaschine,
elektrische Maschinen und viele Patente und Verbesserungen waren
die Folge.
Zu Beginn des ersten Weltkrieges im Jahre 1914 zählte das
Unternehmen an die 100 Mitarbeiter. Bis zu diesem Zeitpunkt baute
Herzstark in seinem Betrieb ca.7500 Maschinen. Viele wurden in
die angrenzenden Monarchieländer verkauft. Das Betriebsklima
war ausgezeichnet. Vater Samuel Herzstark beschäftigte Hr.
Johannes Hayard (Uhrenmechaniker aus Glashütte) welcher
bei der Belegschaft wegen seiner hohen Kenntnisse sehr beliebt
war. Die Mutter Curt Herzstark Frau Marie Herzstark war in dem
Betrieb als Buchhalterin beschäftigt und leitete diese erstklassige
Dienste.
Nach dem Tode Samuel Jacob Herzstark am 24.10. 1937 erbte sie
den ganzen Betrieb und das Praterkino "Kristallpalast".
Der Beginn des ersten Weltkrieges zwang Herzstark zur Einstellung
seiner Rechenmaschinenproduktion. In Tag und Nachtschichten wurde
für die Rüstungsindustrie Schrapnellzünder hergestellt.
Viele junge Mitarbeiter wurden zum Kriegsdienst eingezogen. Im
Frühjahr 1916 wurde S. J. Herzstark als 50-jähriger
zum Militärdienst eingezogen wo er 2 Jahre seinen Kriegsdienst
machte. In dieser Zeit machte Curt Herzstark seine Lehre als
Feinmechaniker und Werkzeugmacher. Dabei lernte er bei der Zünderfabrikation
zum erstenmal die Wichtigkeit von Toleranzlehren kennen. DIN-Normen
oder ähnliches waren weitgehend unbekannt.
Nach der Lehrzeit absolvierte Curt Herzstark eine vierjährige
Höhere Staatsgewerbeschule für Maschinenbau und ging
anschließend als Volontär nach Deutschland.
Ab dem Jahre 1925 bis zum Frühjahr 1943 war C. Herzstark
ständig im elterlichen Betrieb in Wien tätig. In den
20er Jahren verließ der langjährige Mitarbeiter Werkmeister
Johannes Hayard den Betrieb und ging wieder nach Deutschland
(Glashütte) zurück. Inzwischen hatte sich nach dem
ersten Weltkrieg die amerikanische Produktion von Vierspeziesmaschinen
mächtig entwickelt. USA hatte in schreibenden Additionsmaschine
schon lange eine führende Rolle- Vierspeziesgeräte
wurden in großer Anzahl aus Europa importiert. Mit gewaltigen
Kapitaleinsatz wurde von MONROE, MARCHENT und FRIDEN die Rechner
Produktion vorangetrieben. Nur wenigen europäischen Firmen
wie z.B. Rheinmetall und Mercedes, gelang es, einigermaßen
Schritt zu halten. Die Firma Rheinmetall mußte der Firma
Herzstark für Patentverletzungen eine Lizenz bezahlen. Die
Erzeuger von Sprossenradmaschinen so z.B.ODHNER, BRUNSVIGA und
Walther die an bestimmte Benutzergruppen lieferten, konnten einigermaßen
Schritt halten.
Seit 1922 besaß die Firma HERZSTARK
& CO den Alleinvertrieb der ASTRA-WERKE in Chemnitz, für
Österreich und die Nachfolgestaaten. Dieser Betrieb erzeugte
ab diesem Zeitpunkt eine schreibende Saldiermaschine nach dem
System "DALTON" mit einigen Verbesserungen. Die Entwicklung
des "HERZSTARK MULTISUMMATOR" auch MULTIMATOR.
Die Reisen der Herzstarks für Ihre Produkte führte
im Jahre 1926 nach Neutitschein zur damals führenden europäischen
Hutfabrik Johann Hückel`s Söhne. Der Prokurist Herr
Rudolf Holub - Chef über ca.6000 Mitarbeiter und war dabei
seine Büromaschinen auf den neuesten Stand zu bringen. Trotz
doch großer Konkurrenz konnte Herzstark einen Großauftrag
der von Ihm angebotenen Rechenmaschinen zu bekommen. Nicht zuletzt
der Tatsache das einige Dutzend Herzstark Rechenmaschinen seit
mehr als ein jahrzehnt tadellos funktionierten. Übrigens
bis zum heutigen Tag =1999(fast einhundert Jahre)! Bei dieser
Gelegenheit wurde die Rechenfunktion schreibend waagrecht und
senkrecht in einem Arbeitsgang besprochen. Zu diesem Zeitpunkt
ließ mich diese Aufgabe nicht mehr los und nach mehrwöchiger
Überlegungen hatte Herzstark die Lösung.
Die dementsprechenden Patente wurden eingereicht und im Jahre
1928 konnte Herzstark auf der Internationalen Büroausstellung
in Berlin als ERSTER seine neue AUTOMATISCH abrechnende Vielzählwerksmaschine
dem interessierten Publikum vorstellen. Er nannte sie MULTISUMMATOR.
Noch auf der Messe wurden 4 Maschinen verkauft. Kaufpreis ist
mir leider nicht bekannt mit Sicherheit in der Höhe eines
Mittelklassenautos.
Die ASTRA Werke kamen mit eigenen Vielzählwerksmaschinen
erst vier Jahre später auf den Weltmarkt.
Mit der Eingliederung Österreichs und der CSSR im Jahre
1938 in das Großdeutsche Reich wurde die Produktion verboten
und Herzstark verlor als nicht vollarischer Betrieb alle deutschen
Vertretungen. Am 24.10.1937 starb Samuel Jacob Herzstark. Frau
Marie Herzstark wurde Universalerbin und konnte als Nichjüdin
den Betrieb weiterführen.
Bruder Ernst der bis zu diesem Zeitpunkt wenig Interesse an der
Firma zeigte, sollte das heute nicht mehr existierende Praterkino
"Kristallpalast weiterführen. Aufgrund der Nürnberger
Rassengesetze blieb aber alles in der Hand von Frau Marie Herzstark.
Die Entwicklung der CURTA Kleinrechenmaschine.
Im Verlaufe der vielen Geschäftsreisen
hatten wiederholt Kunden den Wunsch nach einer Kleinstrechenmaschine
laut werden lassen. Es bestand hier eine echte Marktlücke
und noch der Vater von Curt Herzstark bat den Junior sich mit
diesem Problem zu befassen. Jahrelange Überlegungen führten
schließlich nach dem Tod des Vaters im Jahre 1937 zu der
Lösung, die den Weg zur Curta Konstruktion eröffnete,
nämlich zu der Erfindung der KOMPLIMENTÄRSTUFENWALZE,
Patent Nr.747 073. In rascher Folge wurden weitere Konstruktionsideen
verwirklicht.
Im Jahre 1938 hatte Curt Herzstark ein erstes primitives aber
rechnendes Modell dieser Kleinrechenmaschine fertig. Weitere
Entwicklungen zur späteren vollendeten Maschine hielt er
absichtlich zurück, da die politische Entwicklung sich dramatisch
verschlechterte.
Vom 11.März 1938 bis zum Sommer 1938 war es völlig
ungewiß, ob die Firma weiterbestehen bleiben wird. Der
Besuch einer mehrköpfigen Kommission aus Staatspolizei und
Heer entschied für den Weiterbestand und wurde als kriegswichtig
Stufe I beschlossen. Die Herzstark Grenzrachenlehre wurden in
Fertigung genommen. Trotzdem wurde der Lehrenbau den Technischen
Hochschulen Graz und Wien übergeben. Bei dieser Gelegenheit
lernte Herzstark einige Professoren unter anderen auch Prof.
Dr. Karl Holecek aus Wien kennen. Dieser wurde in der Familie
Herzstark nach der Verhaftung im Jahre 1943 ein Freund der Familie.
Irrtümlicherweise hat der Sohn von Prof. Holicek (Kammersänger
Heinz Holicek) siehe Wiener Kronenzeitung vom 4.9.1990 seinem
Vater die Erfindung der CURTA in Publikationen zugeschrieben.
Entgegnung am 8.11.1990 in der gleichen Zeitung.
Zurück zu den schrecklichen Kriegstagen. Im Sommer 1938
wurden einige Mitarbeiter verhaftet. Ein Mechaniker sogar hingerichtet.
Wenig später wurde auch Curt Herzstark unter lächerlichem
Vorwand verhaftet und nach einigen Zwischenstationen ins Konzentrationslager
BUCHENWALD gebracht. Mit dem Leben abgeschlossen befahl man in
eines Tages in die Lagerkommandatur und eröffnete im das
seine Erfindung bestens bekannt war. Man würde ihm das Lagerleben
verbessern wenn er nicht unter "Gedächtnisschwund"
leide. Im angeschlossenen der SS gehörendem geheimen "Gustloff-Werk"
wurde geheimes Rüstungsmaterial erzeugt. Die Intelligenz-Sklaven
konnten so vielleicht ihr Leben retten. Seine Erfindung konnte
er weiter verfolgen und falls sie etwas wert sei, so wurde ihm
mitgeteilt, könne man nach siegreicher Beendigung des Krieges
die Maschine dem FÜHRER als Geschenk machen und Herzstark
vielleicht die damals so begehrte "Arierschaft" zu
erteilen. Ich würde meinen ein großer Irrtum. "Mein
Kampf" sagt alles.
Anm. Helmut Waldbauer Ein gütiges Geschick ließ Herzstark
aus diesem Trauma entkommen.
Am 11.April 1945 befreiten die Amerikaner am Leben gebliebenen
Insassen des KZ BUCHENWALD - Die CURTA war in ihrer endgültigen
Form fertig. Nur wenige Kilometer von Buchenwald ist die Stadt
Weimar und Herzstark besuchte den Vertreter der ASTRA- und Rheinmetallwerke.
In Sömmerda in der Firma Rheinmetall stellte Herzstark seine
Curtakonstruktion vor. Die Herren waren begeistert. Die Patente
waren bekannt - Österreich galt als befreites Land - so
konnte man die Patente nicht konfiszieren. Die Vertriebsfachleute
schätzten den Weltbedarf auf ca. 10 Millionen Stück.
Im Betrieb in Sömmerda bei Rheinmetall wurden auf Rechnung
und Risiko Herzststarks die Einzelteile der ersten drei Prototypen
hergestellt. Am 7.Juli 1945 zogen sich die Amerikaner aus Thüringen
zurück und überließen den Russen das Gebiet.
Das Ansinnen der kommunistischen Partei beizutreten lehnte Herzstark
ab, die Russen begannen die noch funktionstüchtigen Werkzeugmaschinen
abzumontieren und Herzstark befürchtete das man ihn nach
Russland deportiert und so flüchtete er in einer abenteuerlichen
Weise über die CSSR nach Wien, welche er am 4.12.1945 am
frühen Morgen erreichte.
Wirtschaftlich und familiäre Begebenheiten machten es unmöglich
die Produktion in Wien im elterlichen Betrieb aufzunehmen und
so beschloß Herzstark ins Ausland zu gehen. Der Vetter
von Herzstark - der Violinvirtuose Fritz Kreisler - wollte bei
Remington in den Vereinigte Staaten vermitteln. PREZISA die Schweizer
Rechenmaschinenfabrik deren Inhaber persönlich bekannt noch
mit Samuel Jacob Herzstark aus den geschäftlichen Beziehungen
der 20er Jahre waren, wollte ebenfalls die Curta produzieren.
Völlig überraschend wurde Curt Herzstark ins Palais
Liechtenstein am Minoritenplatz eingeladen mit dem ehemaligen
österreichischen Finanzminister Dr. JUCH im beisein der
Prinzen Karl Alfred und Ulrich von Liechtenstein mit dem Wunsche
daß Fürst Josef der II. von Liechtenstein sein Land
mit neuen innovativen Produkten industriemäßig aufbauen
möchte. Nach stundenlangen Verhandlungen mit Fachleuten
und Patentanwälten wurde Herzstark gebeten mit seiner Erfindung
nach Vaduz zu kommen. Mitte Mai 1946 wurde seiner Durchlaucht
dem Fürsten die Maschine vorgeführt wobei dieser einige
kleine Rechenoperationen selber ausführte.
Die Gründung der CONTINA AG mit Curt HERZSTARK als Techn.
Direktor war beschlossen. Bis zum 31.12.1951 wurde die CURTA
hunderttausendfach gebaut. Viele Verbesserungen sind in dieser
Zeit durchgeführt wurden. Ein kleines technisches Wunderwerk
machte seinen weltweiten Siegeszug- von allen geschätzt
die eine CURTA besitzen.